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Dubliner gilt als das am leichtesten zu lesende Werk von Joyce. Aber bereits in diesen frühen Erzählungen zwischen Symbolismus und Realismus experimentiert Joyce mit Form, Erzählhaltung, Sprache und Erwartungshaltung der Leser. Mit 22 Jahren verließ der Schriftsteller James Joyce seine Heimatstadt Dublin. Er verbrachte den größten Teil seines Lebens auf dem europäischen Festland, in Triest, Zürich und Paris. Doch Dublin und Irland spielen fast in allen seinen Werken eine wichtige Rolle. Als Joyce 1904 seinen Erzählzyklus Dubliner begann, war es seine Absicht, "ein Kapitel der Sittengeschichte meines Landes zu schreiben, und ich wählte Dublin als Schauplatz, weil mir diese Stadt das Zentrum der Paralyse zu sein schien." Stagnation, Unfähigkeit, Lähmung sind die Themen der Erzählungen. Dabei mutet es wie ein ironischer Zug an, dass genau daran beinahe auch die Publikation von Dubliner scheiterte. Es sollte nahezu zehn Jahre dauern, bis Joyce seinen Erzählband veröffentlicht sah. Zunächst schien eine schnelle Publikation bei dem Londoner Verleger Grant Richard möglich, dem aber nach und nach Bedenken kamen. Sein Drucker weigerte sich, bestimmte Passagen, die er für anstößig hielt, zu setzen. Joyce konnte und wollte der Kritik eines Druckers nicht folgen und seinen Text entschärfen – und so platzte der Vertrag mit Richards. Ein paar Jahre später wiederholte sich die demütigende Farce bei einem anderen Verleger. Auch diesmal hatte der Drucker Vorbehalte, die sogar zur Verbrennung der Druckvorlagen führten. Es gelang Joyce, eine Kopie vor der Vernichtung zu bewahren, die dann zehn Jahre nach dem ersten Kontakt bei Grant Richards veröffentlicht wurde. Mira Alexandra Schnoor erzählt in ihrer Sendung von Entstehungs- und Publikationsgeschichte der Dubliner, von Joyce im selbst gewählten Exil und von seinem Leiden an Irland. / Mit Christian Baumann, Julia Cortis, Jennifer Güzel, Beate Himmelstoß, Helmut Stange, Martin Umbach / Realisation: Mira Alexandra Schnoor / BR 2012
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Mit dem Ich geht er knausrig um - Alexander Kluge, geb. 1932 in Halberstadt. Jurist, Autor, Filmemacher. Träger fast aller wichtigen Film- und Literaturpreise. Zeitgenosse. Sein Ich tritt meist hinter oder neben die Kamera, wendet sich einem Thema oder einem Gast zu, stellt Fragen. Kann Antworten kaum erwarten. Drängelt ein wenig. Nimmt sich wieder zurück. Ist aber nie im Bild, ist bloß stets im Bilde. Manchmal füllt das Ich eine halbe Seite in einem von Kluges umfangreichen Büchern, muss erzählen von kaputten Tretautos oder der englischen Verwandtschaft, um ein wenig Entspannung zu generieren, etwas Vertrauen zu schaffen, Nähe. Nicht, dass dieses Ich scheu wäre, im Gegenteil, kämpferisch und offensiv und hartnäckig kann es sein, fordernd – aber es ist nicht eitel. Das hat dieses Ich nicht nötig. Nun sind im Lauf der fünf Jahrzehnte, in denen Alexander Kluge das öffentliche Leben der Bundesrepublik ästhetisch wie politisch mit gestaltet hat, nicht wenige Versuche unternommen worden, diesem so präsenten und einflussreichen Ich ein klein wenig näher zu kommen. Und Kluge antwortet gern; er versteckt und ziert sich nicht, nicht in Interviews, in Filmen, nicht im Netz. Und doch hat man stets das Gefühl, dass da noch mehr sei – vielleicht liegt es daran, dass man Alexander Kluge so gerne zuhört, seiner weichen Stimme mit dem zarten Nachhall seiner Heimat Halberstadt, vielleicht liegt es an seiner Freundlichkeit und an seiner kaum zu bändigenden Neugier, die ansteckend wirkt. Der Regisseur und Autor Karl Bruckmaier hat seit 2009 immer wieder mit Alexander Kluge an inzwischen fast 16 Stunden Hörspiel nach Kluges Texten gearbeitet. Dabei wurden Gespräche über inhaltliche Details wie auch Kluges generelle Weltsicht integraler Bestandteil dieser vom BR produzierten Hörspiele. Aus dieser langsam gewachsenen Gesprächsbeziehung entstand die Idee, entlang kurzer autobiografischer Notizen aus Kluges Werk der gesamten Lebenslinie dieses Mannes zu folgen und Kluge zu ermöglichen, ein Selbstportrait von sich zu zeichnen aus Worten und Gefühlen – und dem Hörer die Möglichkeit zu geben, dieser gewinnenden Stimme ausgiebig zu lauschen, wenn sie sagt: "Ich". / Mit Alexander Kluge, Gabriel Raab / Realisation: Karl Bruckmaier / BR 2012
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Electric Field Recordings. Andreas Ammer und der in Istanbul geborene und in München lebende, iranischstämmige Musiker Saam Schlamminger haben sich mit ihren Aufnahmegeräten in die Straßen von Istanbul begeben. Sie haben Musiker getroffen, die Mitte der Welt gefunden und Material nach Hause gebracht, das fern jeder Weltmusik ist. Sie erzählen von Kindheitserinnerungen an die Stadt, vom Alltagsleben in Istanbul und von dem ständigen Geräuschbett, dem man sich nicht entziehen kann. Und sie trafen den türkischstämmigen Autor Feridun Zaimoglu, der ihnen die Geschichte einer großen Liebe in Istanbul erzählte. Ammer und Schlamminger bilden auf ihrer Reise durch Istanbul die Lärmkulisse der Stadt in ständiger Geräusch- und Musikbegleitung ab. Die Rhythmen Schlammingers mischen sich mit dem Plätschern der Wellen ans Ufer, dem Kreischen der Möwen, dem Stimmengewirr auf einem Marktplatz und entsprechen so akustisch der Atmosphäre der Stadt. / Mit Feridun Zaimoglu, Sezer Duru, Ahmed Dogan, Sema Moritz, Süren Asatryan, Birol Topaloglu, Necati Tüfeng / Komposition und Realisation: Andreas Ammer/Saam Schlamminger / BR 2008
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Simultanübersetzer. Eingepfercht in kleine Kabinen, abgeriegelt von den konferierenden Massen, einzig bestückt mit Kopfhörer, Mikrofon und Räuspertaste. "die finanzkrisenkonferenz, die atomendlagerkonferenz, die erneuerbaren energien, die migrationskonferenz, der klimawandel, die transitfrage, die defizitkonferenz, die sicherheitskonferenz, noch eine sicherheitskonferenz, eine weitere, eine bildungsnotstandskonferenz", alles in nur einer Woche, international und global, da kann schon mal ein Notstand entstehen, ein Verständigungsnotstand. Wenn in vielen Sprachen gesprochen und das Gesprochene verstanden werden und das Verstandene zu einem Konsens und der Konsens zu einem Ergebnis und das alles für alle immer und wieder verständlich sein muss… dann kommt man an ihnen einfach nicht vorbei: Simultanübersetzer. Sechs Dolmetscher sitzen über dem politischen Einigungsgeschehen, das sie begleiten, ja, erst möglich machen, oder folgen Entscheidungsträgern durch Flure zu sogenannten Hinterzimmergesprächen. In "die unvermeidlichen" spiegelt sich in den Flurgesprächen der Simultanübersetzer die Welt der Großen im Kleinen. Wo die Franzosen ganz gut mit den Engländern, wo die Russen einzelkämpferisch, aber integrativ und die Chinesen gefährlicherweise noch immer unterschätzt werden. Wo die Routine der Dauerkonferierenden zur Routine der Dauerübersetzenden wird. Sie alle träumen vom Triumphzug der kompromisslosen Einstimmigkeit über den ewigen Minimalkonsens. Von einer Konferenz der klaren Ansagen. Stattdessen verfolgen sie eine Konferenz der wachsenden Sprachlosigkeit. Das Fehlen der Sprache zersetzt nach und nach die Wahrnehmung der Übersetzenden… "kürzlich habe ich einmal gelesen, wie wir und die sicherheitsleute vom protokoll genannt werden … die unvermeidlichen!" / Mit Philipp Hauß, Jürgen Wink, Eva Brunner, Felix von Manteuffel, Kirsten Hartung, Bettina Kurth / Realisation: Leopold von Verschuer / Komposition: Bo Wiget / BR 2012
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Deutschland in den 70ern. Oder war es in den 80ern? Ein Unfall im Sägewerk. Ulis Lebensfreund ringt mit dem Tod: Cöppecus, eine Plastikfigur aus dem Kaugummiautomaten. Die ganz genaue Erinnerung gibt es nur in der Erinnerung. Die jedes Mal eine andere ist. Uli erzählt seine Geschichte. Aber ist es noch seine Geschichte? Und die Stimmung von damals? / Mit Uli Winters, Sophia Siebert, Axel Kühn, Michael Lentz / Komposition: Gunnar Geisse/Axel Kühn / Realisation: Michael Lentz / BR 2010